Jusos Mülheim an der Ruhr

Geschichte der sozialistischen Jugend in Mülheim

Kaiserreich

Die Arbeiterjugendbewegung begann sich in Deutschland langsam zu formieren, als sich am 3. Juni 1904 der Berliner Lehrling Paul Nähring das Leben nahm. Nähring ertrug die Quälerei seines Meisters nicht mehr. Sein Tod führte zu Empörung in der sozialistisch bewegten Öffentlichkeit und in der Folge kam es zur Gründung von Lehrlingsvereinen in ganz Deutschland. Das Vereinswesen der Arbeiterjugendbewegung wurde von der kaiserlichen Staatsgewalt jedoch drangsaliert und klein gehalten. Ob es auch in der Mülheimer Umgebung zur Gründung eines Lehrlingsvereins kam, ist uns nicht überliefert.

Der Parteitag der SPD 1908 in Nürnberg beschloss die örtliche Einrichtung von Jugendausschüssen, zunächst drittelparitätisch besetzt mit den zuständigen Vertretern der Parteiführung, der Gewerkschaften und mit Jugendlichen, die über 18 Jahre alt waren. Aufgabe der Ausschüsse sollte allein die Bildungsarbeit für junge Arbeiter*innen sein.

In Mülheim wurde ebenfalls Anfang der 1910er Jahre ein Jugendauschuss gegründet. Die Jugendausschüsse gaben die Zeitschrift „Arbeiterjugend“ heraus, in Mülheim und den umliegenden Städten hatte sie im August 1914 750 Leser*innen. Der Ausbruch des Weltkrieges und die Frage nach der Position der SPD zur Kriegsunterstützung spaltete auch die Arbeiterjugendbewegung am Niederrhein. Die Arbeit des Ausschusses schlief bald ein.

Weimarer Republik

Das Ende des Krieges und die sozialistische Revolution vom November 1918 brachte Deutschland eine freiheitliche Verfassung, die erstmals auch das Grundrecht der Vereinigungsfreiheit gewährleistete. Die Arbeiterjugendbewegung war nunmehr frei, sich in eigenen Vereinen zu organisieren. Die der Mehrheits-SPD nahestehenden Vereine sammelten sich teils im Verband der Arbeiterjugendvereine Deutschlands (VAVJ), daneben bildeten sich andere jungsozialistische Gruppierungen über das Land verteilt.

Der Kasseler Parteitag erkannte Letztere 1920 ausrücklich als Teil der Sozialdemokratie an und verpflichtete „die Parteiorganisationen, die Bestrebungen der Jungsozialisten tatkräftig zu unterstützen“. Die Ortsgruppen der Jungsozialisten genossen erstmals auch das Recht zur Selbstverwaltung, weitgehend unabhängig von den Vorständen der Partei. Eine in Mülheim tätige Ortsgruppe der Jungsozialisten in dieser Zeit ist nicht überliefert.

Überliefert ist gleichwohl, dass sich Genoss*innen aus Mülheim bei der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) eingebracht haben, die nach der Wiedervereinigung von MSPD und USPD 1922 aus dem VAVJ und der Freien Sozialistischen Jugend hervorging. Die SAJ zielte eher auf die Unter-18-Jährigen Arbeiter*innen, die Jungsozialisten auf die Über-18-Jährigen. Zudem war in Mülheim die Arbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde für die Allerjüngsten des Arbeiterstandes tätig.

Die SPD löste die Jungsozialisten auf ihrem Reichsparteitag 1931 in Leipzig nach Streitigkeiten auf. Die SAJ wurde wie auch die SPD von der faschistischen NS-Regierung 1933 verboten, nachdem sie bereits verschiedentlich Opfer des NS-Terrors wurde.

Neuaufbau der sozialistischen Jugend
Naturfreunde, Falken …

Im August 1945 begannen die Genossen Walter Krahlisch, Willi Lies, Rudolf Zimbehl und Heini Hauk wieder mit der sozialistischen Kinderarbeit in Mülheim, die 15- bis 18-Jährigen wurden betreut von den Geschwistern Börnicke. Diese sozialistische Kinder- und Jugendarbeit lief zunächst unter dem Namen „Naturfreunde“, die offizielle Gründungsversammlung der Naturfreunde in Mülheim fand laut den Protokollen des Vorstands der Mülheimer SPD am 15. Dezember 1945 statt.

In den Diskussionsprotokollen des Mülheimer SPD-Vorstands zur „Jugendfrage“ zeigen sich die Schwierigkeiten des Wiederaufbaus der sozialdemokratischen Jugendarbeit.

So stellte Heinrich Thöne in einer Sitzung 1946 fest: „Unsere Jugend ist durch das nationalsozialistische System jeder demokratischen Einstellung entfremdet worden. Man hat sie erzogen und gedrillt in militärischem Geist. Sie ist geübt in Gewalttätigkeit und erzogen zu Kadergehorsam. Hier ist noch eine große Aufgabe zu lösen. […] Wir glauben, daß gerade die Sozialdemokratische Partei berufen ist, hier führend mitzuwirken. Wir haben einen Teil der Jugend in der Gruppe der Naturfreunde zusammengefaßt und halten wöchentlich zwei Schulungsabende ab. Spiele, Volkstänze, Turnübungen, verbunden mit Film- und Schulungsvorträgen füllen diese Abende aus.“

Am 1. Juni 1946 bildete sich in Mülheim eine Ortsgruppe der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken als weitere sozialdemokratische Jugendorganisation. Während sich die Naturfreunde politisch weniger akzentuiert betätigten, begriff sich die SJD – Die Falken klar als sozialistisch-politischer Jugendverband. Schon im Sommer 1946 veranstalteten die Falken ihr erstes Zeltlager auf der Sternwiese in Saarn. Treffpunkt der Falken war die Turnhalle Eduardstraße. Bald traten aber so viele Jungen und Mädchen bei, dass es dort zu eng wurde. Treffen wurden in die Stadtteile verlegt, in Klassenzimmer und Gaststätten. Sonntäglich boten die Falken eine Wanderung zur Sternwiese an, zwischen 50 und 100 Kindern nahmen an diesen Wanderungen teil. Hauptsächlich mit der Jugendarbeit betraut war der Genosse Walter Krahlisch.

Vorsitzender der Falken wurde Arnold Spicker. Die Falkengruppen wirkten aktiv im Leben der SPD, insbesondere in Heißen und Holthausen, mit. Der Mülheimer SPD-Vorstand bezuschusste „die Jugend“, wie die Falken auch einfach genannt wurden, mit 500 Mark.

Bald zeigte sich der Bedarf nach einem eigenen Jugendheim für die Falken. Um dieses zu realisieren, gründete sich im Umfeld der Mülheimer SPD der „Verein Sozialistischer Jugendheimstätten e.V.“ In einem solidarischen Kraftakt gelang es den Falken mit vielen Aktionen und Spenden das Geld für ihr erstes Jugendheim, das Haus Falkenhorst, in Heißen zu sammeln. Es öffnete am 23. Oktober 1955. Der Falkenvorsitzende Spicker wurde auch erster Geschäftsführer des Vereins.

Die Naturfreunde, heute organisatorisch unabhängig von der SPD Mülheim organisiert, konnten in den kommenden Jahrzehnten am Mülheimer Stadtrand eine Jugendherberge errichten, das Naturfreundehaus Ruhrtalhaus an der Böllrodt. Die Mülheimer Falken sind heute leider verschwunden, der „Verein Sozialistischer Jugendheimstätten e.V.“ besteht jedoch unter dem Namen „Soziale Kinder- und Jugendarbeit e.V.“ (SKJ) im Umfeld der SPD Mülheim fort und betreibt inzwischen vier Jugendzentren.

… und Jusos

Am 23. September 1946 beschloss der Mülheimer SPD-Vorstand die Organisierung der Mülheimer Jungsozialisten, „denen alle Genossen bis zu 35 Jahren angehören sollen“. Die Genossen Fritz Denks, Josef Kuschka und Otto Striebeck wurden mit der Vorbereitung der Gründungsversammlung betraut. Diese fand schließlich am 14. Dezember 1946 im Gewerkschaftshaus statt, was damit zumindest das Nachkriegs-Gründungsdatum der Jusos in Mülheim darstellt.

In den ersten Jahren vertrat die Jusos im Mülheimer SPD-Vorstand Fritz Denks. Die Jusos veranstalteten Schulungen, gesellige Abende und waren engagiert in den Wahlkämpfen der SPD. Sie beteiligten sich auch an der Jugendarbeit der Falken. Immer mehr entwickelten sich die Jusos zu einem selbstbewussten Teil der Partei, zu einer „die SPD wesentlich mittragenden Säule“, einem „Ideen-Spender“ (Willi Müller) der Partei in Mülheim. Sie begriffen sich auch zunehmend als Regulativ in der Mülheimer SPD. Früh begannen sie eigenständig aufzutreten, mit eigener Kassenführung, eigenem Briefkopf, sogar einem Kleinbus (den man heute leider nicht mehr hat) und dem gemeinsamen Gruß „Freundschaft!“.

Damals wie heute diskutierten die Jusos verschiedenste politische Themen miteinander, engagierten sich intensiv auf den überregionalen Ebenen ihres Verbands und unternahmen auch Reisen. Die Gründung des Rings politischer Jugend in Mülheim trieben sie aktiv voran. Mit der Zeit entwickelte sich die Kommunalpolitik zum Schwerpunkt ihrer Arbeit.

Auf der Bundesebene kam es bei den Jusos ab Ende der 1960er Jahre bis hinein in die 1980er Jahre zu harten Flügelkämpfen um den richtigen Weg zum demokratischen Sozialismus und zu einem äußerst angespannten Verhältnis zur Mutterpartei. In dieser Hinsicht beschreibt jedoch Willi Müller 1979 die Mülheimer Beziehung von Jusos und SPD als frei von solchen Kontroversen. Dennoch gelte: „Die SPD hat es sich inzwischen angewöhnt, sie kann wohl auch kaum umhin, bei der Beantwortung wichtiger Fragen, die Auffassung der Jungsozialisten zu hören. Und die Jusos haben es sich angewöhnt, zu allen wichtigen Fragen eine Auffassung zu haben.“

Bei den Jusos wurden seit der Nachkriegszeit bis heute die meisten politischen Mandatsträger*innen und Funktionär*innen der SPD in Mülheim sozialisiert.

Quellen:

Thilo Scholle, Jan Schwarz: „Wessen Welt ist die Welt?“ Geschichte der Jusos. 2. Aufl. Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2019

Willi Müller (Hrsg.): Demokratie vor Ort – Ein Lesebuch zur Geschichte der SPD in Mülheim an der Ruhr. Vor Ort Verlags-GmbH, Mülheim an der Ruhr 1979

Foto: „Im Keller des Gymnasiums an der Schulstraße hatten sich die Falken Anfang 1950 selbst einen Gruppenraum hergerichtet. In der Mitte, mit Gitarre, Arnold Spicker, rechts hinten Hermann Siepmann jr links in der Ecke Walter Krahlisch.“